In nur 6 Jahren zu Millionenumsätzen - Miss Pompadour
www.misspompadour.de
Interview
... mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter & Mitgründer Erik Reintjes
Das Interview führte: Thomas
Erik, wer seid ihr und wie hat alles angefangen?
Wir sind MissPompadour. Wir sind jetzt eine Farbmarke. Angefangen hat alles ganz klassisch – im Wohnzimmer. 2016 habe ich im Rahmen meiner Abschlussarbeit an der Uni über Unternehmensgründung geschrieben und meine Mutter und Schwester gefragt, ob ich ihren Laden online bringen darf. Sie hatten damals einen kleinen Concept Store in Regensburg und verkauften Möbel und Wohnaccessoires, die sie selbst aufgearbeitet haben. So entstand der erste Onlineshop. Ursprünglich war das gar nicht als Business gedacht, eher als Backup für Stammkundinnen. Aber aus dieser Idee wurde nach und nach eine richtige Firma.
Und wann wurde daraus MissPompadour?
Der Name kam von unserem damaligen Laden „Pompadour“. Die Domain war belegt, also haben wir einfach „Miss“ davorgesetzt. 2019 gründeten wir die GmbH. Ich habe davor noch zwei Jahre in der Modeindustrie gearbeitet. Damals entschieden wir uns, uns komplett auf Farbe zu konzentrieren. Zuvor hatten wir alles Mögliche im Sortiment: Kerzen, Gläser, Deko. Doch Wir haben alles hinausgeworfen, weil wir gesehen haben, dass der Traffic durch die Farbe kommt. Die Leute fragten nicht: "Woher bekomme ich diesen Kronleuchter?“ sondern "Wie kann ich Fliesen streichen?" Das war der Trigger.
Wie habt ihr euch als Gründerteam zusammengefunden?
Das war eigentlich ein glücklicher Zufall. Astrid, meine Schwester, war durch den Laden ohnehin im Thema, ich kam mit dem Online- und Marketingwissen dazu – und Niklas Lüttegen brachte die technische Seite ein. Er arbeitete damals bei einem ziemlich guten Start-up in Helsinki, das diese Last-Mile-Delivery-Roboter entwickelte. Als ich ihn fragte, ob er bei MissPompadour mit einsteigen wolle, hat er sofort Ja gesagt. Damit war das Trio perfekt: Astrid mit Unternehmungserfahrung, Niklas als Tech-Genie und ich als der, der das Ganze nach außen treibt. Diese Mischung funktioniert bis heute – jeder hat seinen Bereich, und wir vertrauen uns blind.
Ihr habt euch sehr stark über Social Media entwickelt. Wie kam das?
Wir hatten kein Geld für Werbung – also haben wir auf Facebook eine DIY-Gruppe gegründet mit dem Namen: „DIY-Streichen mit Kreidefarbe von MissPompadour“. Das klingt kompliziert, aber das waren viele Keywords, die Facebook gemocht hat. Das heißt, wenn du schon einige DIY-Seiten geliked hattest, wurde dir die Gruppe angezeigt.
Astrid hat in der Gruppe dann ihre Streichergebnisse geteilt. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Gruppe von 4.000 auf 40.000 Mitglieder. Die Community war unser Marketing. Die Leute haben gefragt, welche Farbe sie benutzt hat, und wir haben einfach den Link gepostet. Das war der Startschuss – komplett organisch, ohne Budget. Heute sind über 100.000 Follower in der Gruppe.
Ihr wart also von Anfang an Community-getrieben?
Total. Wir haben schnell verstanden, dass Vertrauen die Währung ist. Unsere Kundinnen teilen täglich Vorher-Nachher-Bilder mit uns und der Community, und das ist Gold wert. Wenn eine Kundin einer anderen zeigt, dass es funktioniert, ist das glaubwürdiger als jede Werbung. Inzwischen bekommen wir über 17.000 solcher Bilder pro Monat über unsere App. Daraus entsteht Content, Inspiration – und am Ende Umsatz.
Auch das Thema Beratung habt ihr sehr ernst genommen, oder?
Ja, von Tag eins an. Ich habe am Anfang sieben Tage die Woche in der Facebook-Gruppe und über unseren WhatsApp Kanal Fragen beantwortet. Wir waren damals das zweite Unternehmen in Deutschland, das WhatsApp-Beratung installiert hatte, also WhatsApp Business. Wir haben von Anfang an gesagt: "Wenn du eine Frage oder ein Problem hast oder ein Bild schicken willst, schicke uns einfach eine WhatsApp." Was gibt es Tieferes, als zwischen der Mutter und der besten Freundin als Marke im Handy zu stehen? Die Hemmschwelle ist viel geringer, als wenn man anrufen soll. Heute haben wir 28 Festangestellte in der Kundenberatung, die sechs Tage die Woche über WhatsApp, Instagram, Pinterest, Mail und Telefon beraten. Unser Credo: Jede Kundin soll glücklich sein. Wenn sie zufrieden ist, verkauft sich die nächste Dose von selbst. Das ist einer der Gründe, warum wir eine Retourenquote von unter zwei Prozent haben – im E-Commerce fast ein Wunder.
Würdest du anderen Gründerinnen und Gründern empfehlen, ebenfalls auf Communities zu setzen?
Unbedingt. Ich würde das heute jedem empfehlen – egal ob über Facebook-Gruppen, WhatsApp-Channels oder Instagram-Communities. Sich eine eigene Community aufzubauen, ist das Beste, was dir passieren kann. Wir generieren darüber nicht nur Verkäufe, sondern auch extrem viel Content. Unsere Kundinnen machen heute genau das, was Astrid damals gemacht hat: Sie streichen, sind stolz auf ihr Ergebnis – und wollen es zeigen. Das schafft Vertrauen, Sichtbarkeit und am Ende ein Markenuniversum, das man mit klassischem Marketing nie erreichen würde.
Ihr habt im Oktober sogar einen eigenen Showroom eröffnet. Warum war das wichtig?
Unsere Kundinnen haben ständig gefragt: „Kann ich mal vorbeikommen?“– und manche standen tatsächlich plötzlich vor der Tür. Deshalb haben wir das ganze Gebäude hier übernommen und einen Showroom bzw. einen Laden eingerichtet. Wir sind ja eigentlich ein Remote-Unternehmen, dessen Mitarbeitende überall in Europa verstreut arbeiten. Aber dieser Ort hier in Sinzing ist jetzt sozusagen unser Zuhause. Als wir den Showroom in der Community angeteasert haben, ist es explodiert: Wir rechnen in den nächsten Monaten mit drei- bis fünftausend Besucherinnen. Was will man mehr als Marke? Diese Nähe ist unbezahlbar.
Warum habt ihr euch für Regensburg bzw. Sinzing als Standort entschieden?
Ehrlich gesagt, weil Astrid damals hier war – es war keine strategische Entscheidung. Heute würde ich die Logistik eher in Mitteldeutschland ansiedeln, einfach aus Effizienzgründen. Regensburg ist eine tolle Stadt mit vielen Absolventinnen, aber Marketing, E-Commerce und Content sitzen eher in Berlin oder Hamburg. Deshalb arbeiten wir komplett remote – die besten Talente sollen dort bleiben können, wo sie leben. Wir verstehen uns längst als europäisches Unternehmen, nicht nur als Regensburger Marke.
Ab wann konntet Ihr von eurem Business leben? Am Anfang hat es sich nach sehr viel Arbeit und wenig Geld verdienen angehört.
Wir konnten ziemlich schnell davon leben. Kurz nachdem wir entschieden hatten, MissPompadour richtig aufzubauen, kam über einen Bekannten die englische Farbfirma Mylands auf uns zu – Hoflieferant der Queen und eine der größten Farbmarken in England. Sie suchten Partner für den deutschen Markt und stellten uns Maschinen und Basen zur Verfügung. Dadurch hatten wir plötzlich eine viel bessere Marge und lernten, Farbe wirklich selbst zu mischen – das war unser Einstieg in die Produktion. Ich habe damals meinen ursprünglichen Job gekündigt und bin ganz eingestiegen. Von da an konnten wir uns Gehälter auszahlen, und das Geschäft war vom ersten Tag an profitabel. Wir haben uns nie auf Wachstum um jeden Preis eingelassen – jede verkaufte Dose musste Gewinn abwerfen, und das gilt bis heute.
Hat diese englische Farbfirma euch mit einem Werbekostenzuschuss oder Ähnlichem gefüttert?
Nein, solche Zuschüsse gibt es in der Farbbranche nicht. Wir mussten keine Ware vorfinanzieren und hatten durch den Direktvertrieb rund 18 Prozent mehr Marge. Das war unsere Basis, um erstmals Performance-Marketing zu testen. Wir haben damals 50 Euro am Tag bei Facebook ausgegeben – und Astrid hat später gesagt, wir hätten Blut und Wasser geschwitzt. Heute lachen wir darüber. Mit dem Wissen von heute hätten wir wohl 50.000 Euro am Tag investiert, so günstig war Kundengewinnung nie wieder.
Vom Händler zur eigenen Marke – wann kam dann dieser Schritt?
Bis 2020 haben wir fremde Farbmarken verkauft. Dann kam Corona, die Nachfrage explodierte, und wir merkten: Wir müssen unabhängig werden. Also haben wir Produzenten gesucht und eine eigene Farbqualität entwickelt. Im Oktober 2020 gingen unsere ersten sieben Farbtöne online. Heute gibt es unter der Dachmarke MissPompadour drei Kollektionen: Einfach Streichen, LittlePomp für Kinderzimmer und CosyColours für Möbelprojekte. Seit 2024 sind wir auch in Frankreich und Holland aktiv – und ab Januar stehen unsere Produkte in 162 Hornbach-Filialen.
Was unterscheidet euch von klassischen Farbmarken?
Wir nehmen unsere Kundinnen ernst – wirklich. Wir verkaufen nicht einfach Farbe, sondern Selbstvertrauen. 90 Prozent unserer Kunden sind weiblich. Viele wagen ihr erstes DIY-Projekt nur, weil sie wissen, dass wir erreichbar sind. Streichen kann eigentlich jeder, aber viele haben Angst davor. Unsere typische Kundin überlegt, ihre Küche zu streichen – und sofort kommen die Zweifel: Der Mann meint, das wird nichts. Der Nachbar rät ab. Und im Baumarkt sagt jemand: „Machen Sie das lieber nicht.“ Da kommen wir ins Spiel. Wir zeigen auf Social Media echte Projekte, YouTube-Videos oder Posts von Influencerinnen, die zeigen: Es funktioniert. Dann schreiben uns die Kundinnen per WhatsApp, schicken Bilder, lassen sich beraten – manchmal über Wochen oder sogar Monate. Am Ende steht das fertige Projekt – und ein riesiger Stolz. Genau da entsteht Markenbindung. Wir geben Sicherheit, wo andere Produkte nur verkaufen wollen. Wir beraten ehrlich, helfen bei Fehlern und feiern Erfolge mit.
Dann bist du eigentlich kein E-Commerce-Unternehmen sondern eher ein Beratungsunternehmen, das User generated-Content moderiert?
Ja, absolut. Plus Farbmarke. Wir haben hier ein eigenes Studio mit sieben Mitarbeitenden, die ausschließlich Content produzieren. Zusätzlich kaufen wir gezielt Beiträge von Influencerinnen ein. Unsere KI-gestützte Bildproduktion ist ebenfalls weit entwickelt – da gehören wir in Deutschland zu den Vorreitern. Am Ende zählt der richtige Mix: Die Kundin möchte authentische Inhalte, aber auch professionelle Bilder sehen. In der Branche diskutiere ich oft darüber: Heute hast du nur zwei Optionen – entweder du bist ein riesiger Player wie Amazon, Otto oder Shein, oder du bist eine Marke, die ganz nah an ihrer Kundin ist. Diese klassischen Shops mit endlosen Produktlisten und digitalisierten Katalogen – das funktioniert heute einfach nicht mehr.
Ihr wachst sehr schnell. Wie organisiert ihr das intern?
Wir sind heute rund 170 Mitarbeitende, davon etwa 75 Prozent Frauen. MissPompadour ist ein Remote-Unternehmen – die meisten arbeiten von zu Hause aus. Unsere Zentrale mit Showroom ist in Sinzing bei Regensburg, die Logistik in Laaber. Darüber hinaus haben wir starke Teamleads in Bereichen wie Brand, Performance-Marketing, Internationalisierung und Logistik. Wichtig ist: Jeder denkt unternehmerisch. Wir nennen das „Unternehmer im Unternehmen“. Nur so funktioniert dieses Tempo.
Technik scheint bei euch ein wichtiger Faktor zu sein.
Absolut. Unser Mitgründer Niklas ist ein herausragender Entwickler. Wir haben unsere App, die Lager-Software und viele Shop-Features selbst gebaut. Das gibt uns eine enorme Geschwindigkeit – wenn wir etwas Neues wollen, ist es in zwei Tagen umgesetzt. Aktuell bauen wir sogar unser eigenes DIY-Social-Network auf, um unabhängiger von Plattformen wie Facebook und Instagram zu werden. Und wir nutzen KI in der Produktentwicklung, etwa zur Simulation von Farb- und Rezepturverhalten in verschiedenen Klimazonen.
Welche Rolle spielen Investoren für euch?
Die ersten dreieinhalb Jahre waren wir komplett eigenfinanziert. Dann haben wir gezielt „Smart Money“ ins Boot geholt – erfahrene E-Commerce-Unternehmer, etwa den Gründer von Zooplus. Sie bringen Know-how und Netzwerk, nicht Kontrolle. Ein weiteres Investment kam über die Firma Dorfner aus Hirschau, die uns mit KI-gestützter Farbentwicklung unterstützt. Das Kapital liegt weitgehend unangetastet auf dem Konto – wir wachsen aus eigener Kraft.
Im Rückblick: Was war die größte Herausforderung bisher?
Ganz klar: Das Wachstum in der Corona-Zeit. Die Nachfrage war so groß, dass wir teilweise Farbe verkauft haben, die wir noch gar nicht hatten. Wir mussten improvisieren, Kartons aus dem Supermarkt holen und Nachtschichten machen. Das war brutal anstrengend, aber es hat uns gezeigt, dass wir als Team alles schaffen können.
Und wie führst du persönlich durch so ein Wachstum?
Ich glaube, durch Vertrauen und klare Rollen. Wir Gründer – meine Schwester Astrid, Niklas und ich – sind sehr unterschiedlich. Astrid ist die erfahrene Unternehmerin, Niklas der analytische Techniker, ich der Verkäufer. Wir reden offen, aber jeder darf in seinem Bereich entscheiden. Ich musste lernen, meine eigene Stimme zu finden – nicht mehr der „kleine Bruder“ zu sein, sondern Unternehmer.
Was treibt dich an?
Freiheit. Ich liebe es, Dinge aufzubauen, Verantwortung zu tragen, Neues auszuprobieren. Ich könnte nie in einem Konzernjob sitzen und um 17 Uhr den Laptop zuklappen. Natürlich arbeite ich viel, aber es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Es ist mein Leben. Und es macht einfach Spaß, wenn aus einer Idee etwas Großes wird.
Und wenn du in die Zukunft schaust – wo soll MissPompadour dort stehen?
Unser Ziel ist klar: die tonangebende Farbfirma Europas zu werden. Der DIY-Markt in Europa hat ein Volumen von sechs Milliarden Euro – und der Wandel vom Baumarkt hin zum Onlinehandel ist erst am Anfang. Wir sehen enormes Potenzial in der Internationalisierung und im Handel mit Partnern wie Hornbach. Umsatzziel? 100 bis 200 Millionen Euro sind realistisch. Aber wichtiger ist: Wir wollen relevant bleiben – für die Kundinnen, nicht nur für Investoren.
Zum Schluss: Wie schaltest du ab?
Ich mache Triathlon, fahre Rennrad, spiele Padel. Bewegung ist mein Ventil. Ich versuche, jeden Tag eine Stunde Sport zu machen – das hält den Kopf frei. Und natürlich meine Familie: zwei kleine Kinder, die sorgen zuverlässig dafür, dass man wieder auf den Boden kommt.
Erik, vielen Dank für das Gespräch.